· 

Das Märchen vom Rudelchef

Das Märchen vom Rudelchef

von Carolin Caprano

Leider hört man es im Zusammenhang mit der Hundehaltung immer wieder: Mensch und Hund sind ein Rudel und der Mensch muss dabei das Alphatier sein. Andernfalls würden Hunde beginnen dominant zu werden und tanzen uns nur auf der Nase herum. Doch ist das wirklich richtig?

 

Schauen wir einmal zurück, wie es überhaupt zu den Annahme kam, dass es Alpha-Hunde bzw. besser Alpha-Wölfe geben soll:

In früheren Zeiten haben sich viele Forschungen in Bezug auf das Sozialverhalten von Wölfen durch Beobachtungen von in Gefangenschaft lebenden Gehegewölfen bezogen. Bei diesen Tieren herrscht oft viel Stress und es kommt zu Rangordnungskämpfen um Futter, Schlaf- und Liegeplätzen etc. Die stärksten und durchsetzungsreichsten Tiere gelangen an die Spitze des vermeintlichen "Rudels". Das liegt zum einen daran, dass Wölfe in Gefangenschaft, im Verhältnis zu ihren Revieren in der Natur, auf relativ engem Raum zusammengepfercht sind und sich nur schwer ausweichen können. Junge Gehegewölfe können deshalb auch nicht abwandern, um ihre eigene Familie und ihr eigenes Revier zu gründen. Zum anderen leben Gehegewölft eben nicht in Familienverbänden. Um Inzucht zu vermeiden, werden immer wieder fremde Tiere in die Gruppe integriert.

Beobachtet man nun diese Gruppen von in Gefangenschaft lebenden Tieren, sieht man dadurch immer wieder Kämpfe und Auseinandersetzungen, sowie eine hirarchische Rangordnung.

 

Heute weiß man es jedoch besser. In der freien Natur leben Wölfe in Familienverbänden zusammen. Das bedeutet eine Familie besteht normalerweise aus den Elterntieren und den Nachkommen der ersten und zweiten Generation. Die Eltern übernehmen dabei ganz selbstverständlich die Führungsrolle und leiten die jungen Wölfe mit natürlicher Autorität. Dazu sind keine Rangordnungskämpfe erforderlich. Zur Vermeidung von Auseinandersetzungen benutzen die Tiere dabei auch eine ganze Menge aggressionshemmender Signale (Abbruchsignale).  Spannungen oder Konflikte werden so entschärft.

Die Mitglieder eines Rudels bzw. einer Familie jagen gemeinsam und auch bei der Aufzucht der Jungtiere helfen der Vater und ältere Geschwister mit. Auch junge Wölfe können bei diesen Aufgaben durchaus mal eine Führungsrolle übernehmen.

 

Nun aber wieder zurück zu unseren Hunden. Hunde stammen entwicklungsgeschichtlich vom Wolf ab und viele Verhaltensweisen erinnern auch noch an die wilde Verwandschaft. Haushunde haben jedoch eine wirklich lange Entwicklung durchgemacht und können nicht mehr so ohne weiteres mit dem Wolf verglichen werden.

Vor allem sollte man sich davon verabschieden, Hunde und Menschen als ein Rudel zu betrachten und natürlich ist der Mensch auch dementsprechend nicht als Rudelführer zu bezeichnen. Hunde sind sich des Artunterschiedes übrigens durchaus bewusst. Mensch und Hund bilden ganz einfach eine soziale Gruppe und ein Hundehalter sollte sich bemühen, souverän und verlässlich aufzutreten und so das Vertrauen des Hundes zu gewinnen. Ein gut sozialisierter Hund stellt die natürliche Autorität des Menschen (wie in der Familienstruktur) nicht in Frage, sondern respektiert dann den gehobenen "Eltern-Status".

 

Aber warum kommt es dann doch immer wieder zu Problemen mit Hunden, die als "dominantes Verhalten" bezeichnet werden?

 

Die Ursache dafür ist nicht beim Hund zu suchen, sondern beim Halter. In manchen Situationen kann sich ein Hund, der normalerweise nicht nach "Führungspositionen" strebt, dazu genötigt fühlen, Entscheidungen zu treffen. Das passiert, weil vom Menschen keine klare Anweisungen kommen. Er übernimmt dann kurzfristig die Führung, was aber oft gleichzeitig mit viel Stress für den Hund verbunden ist. Es besteht also ganz simpel ein Kommunikationsproblem zwischen Mensch und Hund und der Hundehalter weist mangelnde Erziehungs- und Führungsqualitäten auf.

Anstatt die Schuld also beim Hund zu suchen und ihn vielleicht sogar mit zweifelhaften Methoden zu unterwerfen, sollte der Hundehalter sich also selbst an die Nase fassen und überlegen, wie er dem Hund gegenüber als verlässlicher Partner mit natürlicher Autorität auftreten kann. Viele angepriesene Methoden oder gar Strafen, mit denen der Hundehalter seine eigene Dominaz präsentieren soll, bewirken dagegen meist nur, dass der Hund sein Vertrauen in den Menschen verliert und vielleicht sogar wirklich Angst vor ihm bekommt.

Deshalb ist es so wichtig, sich am besten schon vor der Anschaffung eines Hundes, gut über natürlich Verhaltensweisen, Körpersprache und geeignete Trainingsmethoden zu informieren. Für ein respektvolles Miteinander ohne Rudelchef ;-)

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0